Nicht nur gucken, unbedingt anfassen! Haptik-Experte Karl Werner Schmitz erzählt uns wie der Tastsinn uns beeinflusst


Jede Sekunde nimmt unser Körper unzählige Informationen auf. Auch wenn wir den Großteil unserer bewussten Aufmerksamkeit dem visuellen und auditiven Input schenken, sehr viele Informationen werden uns von unseren anderen Sinnen übermittelt: Der kühle Windstoß im Nacken, der weiche Blusenstoff an der Haut, das neue Smartphone, welches so leicht in unserer Hand und das Mittagsessen, welches so schwer in unserem Magen liegt.

Das sind nur ein paar Beispiele für Empfindungen, die ganz nebenbei im Körper ablaufen, ohne dass Augen und Ohren darin involviert sind; und vielleicht ohne dass wir sie überhaupt bewusst wahrnehmen. In Bezug auf unsere Befindlichkeit(en) spielen diese Empfindungen eine immens große Rolle. Nur dass wir es meistens nicht einmal merken.

Was genau passiert und wie wir damit bewusster umgehen können, erläutert uns nachfolgend der Haptik-Experte, Herr Karl Werner Schmitz.


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Herr Schmitz, Sie sind ein Haptik-Experte. Was ist eigentlich Haptik?

Haptik ist die Lehre vom Tastsinn. Alle unsere Körperteile, ob Haut, innere Organe, Muskeln oder Knochen sind in der Lage zu fühlen. Einzige Ausnahme dabei ist das Gehirn, welches kein Eigenempfinden hat. Fragt man, welcher Sinn die größte Rolle bei der Wahrnehmung spielt, so sagen 85% der Menschen, dass die meisten Informationen durch Auge und Ohr aufgenommen werden. Tatsächlich aber stimmt diese Vermutung nicht. Alle Sinne, insbesondere der Tastsinn, sind eine unglaublich starke Informationsquelle.

Nehmen wir als Beispiel die Haut. Sie ist das größte Körperorgan und ihre Oberfläche beträgt je nach Körpergewicht 1.5-2 Quadratmeter. Bei all dieser Oberfläche ist es nun gar nicht verwunderlich, dass sie uns durchgehend enorme Mengen an Informationen überträgt. Diese werden verarbeitet und haben einen großen Einfluss auf unsere Stimmung und sogar darauf, wie und welche Entscheidungen wir treffen.

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Könnten Sie uns ein Beispiel für den Einfluss von haptischem Input geben?

Ein einfaches Beispiel ist der Thermoeffekt, welcher am folgenden Experiment anschaulich wird:

Eine Gruppe von Personen musste Personalgespräche führen und am Ende sagen, ob sie den Kandidaten anstellen würden. Dabei bekam die Hälfte der Teilnehmer vor dem Personalgespräch ein kaltes, die andere Hälfte ein warmes Getränk und beide Gruppen mussten es jeweils 30 Sekunden in der Hand halten (die Becher waren wärme- bzw. kältedurchlässig). Die Aufteilung, wer welches Getränk erhielt war zufällig.

Ergebnis: 40% der Kaltgetränk-Teilnehmer haben ihren Bewerber angestellt. Während es aus der Warmgetränk-Gruppe nahezu 100% waren.

Dieses Experiment, durchgeführt sowohl in Amerika als auch in Deutschland unter anderem in der Sendung „Menschen“ von Frank Elstner, zeigt, welchen Einfluss die Temperatur auf unseren Körper und damit auf unsere Entscheidungen hat. Manchmal wider alle Logik.

Warum unterscheiden sich die Ergebnisse der beiden Gruppen?

Mäßige Wärme hat einen wohltuenden Effekt auf unser Befinden und unsere Laune. Die Wärme, die wir mit positiven Empfindungen wie Muttermilch oder auch der Umarmung einer Person in Verbindung bringen, hat sich in unserer Sprache positiv festgesetzt: So ist jemand warmherzig und gibt uns einen warmen Empfang, während jemand anderes kaltherzig ist und uns die kalte Schulter zeigt. Diese positive Konnotation und die Auswirkung, die Wärme allgemein auf uns hat, führen zu einem Wohlbefinden. Und wurden von den Teilnehmern des Experiments auf die Bewerber projiziert.

Das Experiment können Sie sich hier anschauen:

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Mäßige Wärme hat einen wohltuenden Effekt auf unser Befinden und unsere Laune

 

Wie genau funktioniert Haptik?

Die Haptik hat drei Grundprinzipien. Die ersten zwei sind Kontakt herstellen und Berührung. Das Wort ‚Kontakt’ kommt aus dem Lateinischen: con heißt mit und tangere heißt berühren. Bei allem, was für uns schön, lieb oder angenehm ist, suchen wir den Kontakt und wollen damit in Berührung kommen. Je stärker das Gefühl, desto größer das Bedürfnis nach Nähe. Bei Kindern hervorragend zu beobachten, da sie unzensierter mit derlei Bedürfnissen umgehen. Wenn die Augen eines Kindes etwas schön finden, dann gehen die Hände in diese Richtung. Sieht das Kind beispielsweise einen kuscheligen Hund, will es ihn anfassen. Ein Kontakt, ein Berühren, vermittelt uns viele positive Informationen und entwickelt entsprechende Emotionen. Sofern das „Objekt“ eine für uns positive Haptik hat.

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Und welchen Einfluss hat Kontakt auf uns?

Wir haben schon gesehen, dass Kontakt mit Wärme von unserem Körper als positiv empfunden wird und uns somit positiv stimmt. Aber auch körperlicher Kontakt mit unseren Mitmenschen bewirkt viel mehr in uns als wir unmittelbar registrieren.

Dazu wieder ein Beispiel, diesmal aus Dänemark: Ein Professor hat beim Betreten des Hörsaales einige seiner Studenten wie zufällig berührt. Am Ende der Vorlesung bat er um Hilfe beim Raustragen seines Lehrmaterials. Diejenigen, die er am Anfang der Vorlesung berührt hat, haben dabei 3 Mal mehr Hilfsbereitschaft gezeigt als der Rest. Erstaunlich, nicht wahr? Auch das ist eine Wirkung von Haptik.

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Welches ist das dritte Grundprinzip der Haptik?

Mitmachen, anpacken und bewirken lassen. Ich habe 4 Enkelkinder mit denen ich unglaublich gerne spiele. Es ist erstaunlich, was wir Erwachsenen dabei lernen können. Beim Spielen baue ich oft einen Turm aus Holzklötzen, einer meiner Enkel zerstört ihn, und er lacht dabei. Ich baue den Turm wieder auf, er zerschlägt ihn wieder, und wir beide haben einen Riesenspaß. Aber, die Frage, die sich stellt, ist doch: Warum macht er das?  Er probiert aus, ob er Wirkung erzeugen und zerstören kann, was der Opa gemacht hat und welche Wirkung es auf ihn hat.

Die Erkenntnis daraus ist, dass das Schlimmste für einen Menschen – egal ob Kind, Mitarbeiter oder Kunde… – ist, festzustellen, keine Wirkung zu haben. Wenn ich einen Menschen dahingehend bediene, dass er nichts anfassen darf, nichts tun darf, dann wird er unzufrieden.

Beispiel Internet: Wenn ich im Internet auf einen Button klicke und es passiert nichts, dann werde ich sauer. Und das geht nicht nur mir so.

Menschen möchten mitmachen und an Entstehungsprozessen teilnehmen dürfen. Das ist ein sozusagen unausgesprochenes Grundbedürfnis. Weihnachtsplätzchen, die die Kinder mit der Oma gebacken haben, schmecken ihnen doppelt so gut (und Ihnen auch..).

In Restaurants ist Frontalkochen – der Zubereitungsprozeß findet vor den Augen der Restaurantbesucher statt – in den letzten Jahren stetig beliebter geworden. Der oder die Restaurantbesucher fühlen sich am Entstehungsprozess beteiligt – wenn auch indirekt.

Populäres Beispiel aus der Medienwelt sind Reality-Shows wie z.B. das Dschungelcamp, bei dem man (eine entsprechende Fantasie vorausgesetzt) das Gefühl hat, mittendrin zu sein. Ohne die lästigen Begleitscheinungen wie Hunger, Matsch und wilde Tiere.

Das schlimmste für einen Menschen… ist es festzustellen, dass er keine Wirkung hat

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Was kann man daraus für den eigenen Alltag mitnehmen?

An erster Stelle kann ich jedem dringend empfehlen, nicht komplett in die audio-visuelle Welt abzudriften. Wir neigen mehr und mehr dazu, unsere Zeit nur noch mit Computer, Smart-Phone und Play-Station zu verbringen und haben darüber ein Defizit an körperlichem Erleben entwickelt. Auch das führt zu der aktuellen Entwicklung, dass Burnout und psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft ständig zunehmen. Es ist offensichtlich, dass wir das Aktivieren der anderen Sinne bzw. aller Sinne lernen müssen, um UNS den nötigen Ausgleich zu verschaffen.

Neben dem Universalmittel Sport sind sehr allgemeine Aktivitäten, die nicht in der virtuellen Welt stattfinden, geeignet. Zurück zu unserem Ausgangsbeispiel: Plätzchen backen aktiviert alle 5 Sinne und vermittelt zusätzlich das Gefühl, mitmachen zu können. Generationenübergreifende Selbsthilfe, wenn man so will..

 

Wir müssen die anderen Sinne und den ganzen Körper aktivieren, um Ausgleich zu verschaffen

Aus diversen Veröffentlichungen zum Thema kann man ableiten, dass es jetzt und zukünftig gesellschaftspolitisch bedeutsam wird, gerade bei Kindern darauf zu achten, dass sie den Bezug zur Natur nicht verlieren bzw. ihn sich bewahren. Dass ein gemeinsames Empfinden und das Teilen (Erfolg und Misserfolg) für die Entwicklung positiv ist. Der Rekord im „Candy Crush“ ist es selbstverständlich auch. Nachhaltiger ist er keinesfalls. So viel ist bereits heute sicher.

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Und wie verhält es sich bei den Erwachsenen?

Genau so. Früher hat man bei der Arbeit gemeinsam in der Kantine gegessen. Heute arbeiten wir zunehmend am eigenen Arbeitsplatz, essen vorm Rechner und verbringen die Pause mit dem Smartphone in der Hand. Darunter leiden sowohl der eigene Körper als auch die sozialen Kontakte. Und damit auch der Teamgeist bzw. der Kollektivgedanke.

Außerdem fehlen oft bei der modernen Arbeitsweise die Erfolgserlebnisse. Wenn mein Job daraus besteht, Scheibenwischer an ein Auto zu montieren, dann ist mein Beitrag augenscheinlich und ich habe mit jedem Scheibenwischer ein Erfolgserlebnis.
Dabei plaudere ich noch mit meinem Kollegen, der die Reifen montiert, und dieses gemeinsame Schaffen, das schweißt uns zusammen.

Wenn ich aber nichts erschaffe, stattdessen Vorgänge am Computer abarbeite, kaum mehr mit meinen Kollegen kommuniziere und dann noch das Gefühl habe, dass ich im Unternehmen nichts bewegen kann, dann bin ich unzufrieden. Oder werde es. Irgendwann.

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Was kann man dagegen unternehmen?

Ganz einfach gesprochen: Mehr mit den Kollegen und weniger mit dem Smartphone unternehmen!

Außerdem bieten mehr und mehr Unternehmen Team-Building-Aktivitäten an, damit die Mitarbeiter Gemeinschaftserlebnisse haben. Ich habe ein einfaches Beispiel: Lachen und miteinander Reden ist wohl niemals so ausgeprägt wie in einem einstündigen Kochkurs bei der Arbeit bzw. mit den unmittelbaren Arbeitskollegen.

Auch gemeinsame Sport-Kurse bei der Arbeit werden immer beliebter. Dadurch können die Kollegen erst Abstand vom Rechner und der virtuellen Welt nehmen und sich zusätzlich maßvoll körperlich betätigen. Und dann kommen das gemeinsame Erleben und der Gedankenaustausch dazu. Man fühlt sich wohler in seiner Haut (und dadurch im Arbeitsumfeld) und viele neue Ideen nehmen Struktur an.

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Kann man diese Erkenntnisse auch aufs Privatleben übertragen?

Auch hier gilt das Motto „mitmachen lassen“.

Wenn wir für jemanden kochen, fragt der Gast in der Regel, ob er helfen kann. Wir glauben, es gehört zum „guten Ton“, nein darauf zu antworten; schließlich möchte man sich als guter Gastgeber präsentieren. Wenn aber dieses Verhalten dazu führt, dass der andere nicht mitmachen darf, dann fühlt er sich wortwörtlich zurückgewiesen. Ergo: Lassen Sie Ihren Besuch am Kochen teilnehmen! Durch den Kontakt mit den Lebensmitteln, der Aktivierung aller 5 Sinne und durch das Mitmachen-Dürfen, wird das Kochen zu einem Erlebnis. Gefolgt vom gemeinsamen Essen.

Gleiches gilt übrigens auch für ein Date. Da kann man die alte Lebensweisheit ruhig überschreiben, die den Magen so hoch gelobt hat: Der Weg zum Herzen geht – nicht nur über die jeweilige Schwiegermutter – sondern vielmehr durch… alle Sinne. In diesem Sinne…

Spannend! Nicht wahr?
Dann freuen Sie sich auf das kommende live Webinar in dem Sie aus erster Hand von Herrn Schmitz mehr zu diesem Thema erfahren können.

Wann? Am 13.11.2017
Wo? Natürlich in Ihrem Benefit-Portal
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Karl Werner Schmitz zählt zu den gefragtesten Verkaufs- und Marketingtrainern im deutschsprachigen Raum. Er gilt als Erfinder des haptischen Marketings und landete 1987 mit der Methode des „Haptischen Verkaufens“ einen Geniestreich.

Der Vordenker wurde für seine Ideen mehrfach ausgezeichnet, unter anderem von der Universität Leipzig im Rahmen des Innovationsforums „Mit innovativen Dienstleistungen an die Weltspitze“. Außerdem ist er Exper t-Member des Spitzengremiums der Europäischen Marketing- und Verkaufsexperten CLUB 55.

Mehr Informationen unter: www.benefit-portal.net/kostenloses-elearning-fuer-unternehmen/